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Was ist psychosomatische Medizin?  
 

Im Gegensatz zur Psychotherapie gibt es für die Psychosomatik keine allgemein gültige und anerkannte Definition. Dennoch kann man versuchen, eine Definition von "psychosomatischen Krankheiten" zu geben:

Alle die Krankheiten können als psychosomatisch verursacht oder mitverursacht gelten, bei denen seelische Faktoren in der Entstehung oder Aufrechterhaltung eine wesentliche Rolle spielen. Als psychosomatische Erkrankungen im engeren Sinne bezeichnet man diejenigen Krankheiten, bei denen ein seelischer Einfluß auf Entstehung und Verlauf der Krankheit angenommen wird und es zum Auftreten von organischen Veränderungen (Organschäden) kommt. Diejenigen psychosomatische Erkrankungen im weiteren Sinne, bei denen keine Organschäden vorliegenden werden oft auch als "funktionelle Störungen" oder auch als "somatoforme Störungen" bezeichnet.

Neben den psychosomatischen Erkrankungen im engeren und im weiteren Sinne beschäftigt sich die psychosomatische Medizin auch mit Fragen der Krankheitsverarbeitung. Gerade bei bestimmten chronischen Erkrankungen wie beispielsweise beim insulinpflichtigen Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit) oder auch bei Tumorerkrankungen bedürfen die Betroffenen oder ihrer Angehörigen vielfach der gezielten Hilfe eines psychosomatisch geschulten Psychotherapeuten (Arzt oder Psychologe).

Psychosomatische Ursachen spielen oftmals bei den folgenden Erkrankungen eine Rolle: Hörsturz, Tinnitus, Asthma bronchiale, Magen- und Zwölffingerdarmgeschwür, Colitis ulcerosa und andere entzündliche Darmerkrankungen, Bluthochdruck (insbes., wenn dieser unter "Stress" auftritt), Schilddrüsenüberfunktion, bestimmte Rheumaerkrankungen, Neurodermitis und andere Erkrankungen.

Auch bei den Eßstörungen Anorexie ("Magersucht") und Bulimie ("Ess-Brechsucht") spielen psychosomatische Faktoren eine wesentliche Rolle.

Unter den funktionellen Störungen (somatoformen Störungen) spielen beispielsweise bei chronischen Kopfschmerzen, bei chronischen Ober- oder Unterbauchschmerzen, beim sogenannten Fibromyalgie-Syndrom ("Weichteilrheumatismus") oder bei chronischen Rückenschmerzen psychosomatischen Faktoren oftmals eine Rolle, besonders dann, wenn keine körperlichen Ursachen für die Beschwerden gefunden werden können.

Gelegentlich, wenn auch selten, kann es sogar zu psychosomatisch verursachten Lähmungen oder zu Störungen der Sinnesempfindungen kommen.

In der Regel werden psychosomatisehe Erkrankungen mit Psychotherapie behandelt; oft ist es notwendig die Psychotherapie mit organmedizinischen Behandlungen zu kombinieren.

 
 
Welche Krankheiten werden psychosomatisch behandelt?  
 

Zu den häufigen psychosomatischen Störungsbildern gehören die somatoformen Störungen (früher oft als funktionelle oder vegetative Störungen bezeichnet). Die Somatisierungsstörung ist durch häufig auftretende, dabei auch immer wieder wechselnde körperliche Beschwerden gekennzeichnet, für die sich trotz intensiver Bemühung keine ausreichenden körperlichen Ursachen finden lassen. Häufig ist diese Störung für die betroffenen Patienten mit wiederholten Enttäuschungen verbunden, wenn sie immer wieder hoffen, eine körperliche Ursache für ihre Beschwerden könne gefunden werden. Eine besondere Form der somatoformen Störung ist die hypochondrische Störung, bei der im Zentrum die Befürchtung steht an einer noch unerkannten, schweren Erkrankung zu leiden (z.B. Krebs) und auch die somatoforme Schmerzstörung, bei der chronische Schmerzen im Zusammenhang mit inneren Konflikten und gefühlsmäßigen Belastungen auftreten, die durch körperliche Störungen nicht oder nicht ausreichend erklärt werden können.

Die Eßstörungen Anorexia nervosa und Bulimie müssen oft auch psychosomatisch behandelt werden. Die Anorexie (Magersucht) ist durch das trotz ausgeprägter Magerkeit bestehende Gefühl gekennzeichnet, immer noch zu dick zu sein. Sie kann über eine hochgradige Abmagerung zu lebensbedrohlichen Zuständen führen, etwa durch Nieren- oder Herz-Kreislauf-Versagen. Ganz überwiegend sind von dieser Krankheit Patientinnen betroffen. Manchmal wird die Abmagerung dadurch herbeigeführt, dass nur geringste Mengen Essen zu sich genommen werden, manchmal wird das Essen auch wieder erbrochen, oder es werden Entwässerungsmittel oder Abführmittel eingenommen. Die oft bestehende Magerkeit führt in der Regel zum Auftreten von – manchmal schweren – Depressionen.

Die Bulimie (Ess-Brechsucht) betrifft ebenfalls überwiegend Frauen und besteht darin, dass aus innerer Anspannung, aus Gefühlen des Unglücklichseins oder der Einsamkeit heraus große Mengen gegessen werden (die z.T. dem Mehrfachen dessen entsprechen, was sonst an einem ganzen Tag gegessen wird), die dann hinterher wieder erbrochen werden. Für die Betroffenen ist dies meist mit großer Scham verbunden, weswegen das Erbrechen meist heimlich geschieht, so dass u.U. auch enge Angehörige lange Zeit nichts davon bemerken. Neben der seelischen Beeinträchtigung führt Bulimie oft auch zu körperlichen Schäden, bspw. zu chronischen Entzündungen der Speicheldrüsen oder zu schweren Zahnschäden.

Im weiteren Sinne zu den mit Psychotherapie behandelbaren psychosomatischen Störungen gehören auch die sexuellen Funktionsstörungen, mit den häufigsten Formen der Störung der sexuellen Erregung (z.B. Impotenz), der Unfähigkeit, Sexualität als genußvoll zu erleben (sexuelle Anhedonie, Lustlosigkeit) oder dem Verlust sexuellen Verlangens.

Schließlich gehören zu den psychosomatischen Störungen auch diejenigen körperlichen Erkrankungen, bei denen seelische Faktoren eine Rolle spielen entweder für die Aufrechterhaltung der Krankheit oder auch für das Auftreten von Krankheitsschüben. Dies gilt z.B. für die Colitis ulcerosa, und für manche Formen von Bronchialasthma, Magengeschwür und anderen Erkrankungen.

 
 
Konzepte psychosomatischer Krankenversorgung  
 

Die psychosomatische Medizin verfügt heute über differenzierte Konzepte zur stationären und teilstationären Behandlung psychosomatisch kranker Patienten. Ebenfalls bereits entwickelte Konzepte von ambulanter fachärztlicher psychosomatischer Medizin bedürfen hingegen noch der Überprüfung ihrer Umsetzbarkeit in Zeiten immer kärglicher werdender Ressourcen innerhalb des Gesundheitssystems.

In der stationären Versorgung dominierten bis in die 1970er Jahre Konzepte, die einen "Therapieraum" von einem "Realraum" unterschieden. Solche Konzepte gelten heute als überholt, an ihre Stelle sind integrative Konzepte getreten.

Hier wirken alle Mitarbeiter an der Behandlung mit als potenzielle Adressaten konflikthafter Interaktionen und Übertragungen seitens der Patienten. Diese suchen sich im Feld der Station oder Abeilung signifikante andere Personen zur Reinszenierung ihrer zentralen Konflikte, wobei sich in der Regel unterschiedliche Aspekte von Konlikten oder Störungen in unterschiedlichen Beziehungen verdeutlichen.

Innerhalb des integrativen Ansatzes erfolgt eine operationale Anpassung psychoanalytischer Grundgedanken an die Klientel Ich-strukturell schwerer gestörter Patienten. Früh gestörte Patienten mit geringerer "psychological mindedness", bzw. geringer ausgeprägter Mentalisierungsfähigkeit stoßen auf ein multiples Übertragungsangebot mit erhöhter Passungswahrscheinlichkeit. Differenzierte und integrierte Behandlungsangebote sind bei unterschiedlicher therapeutischer Kompetenz im Team aufeinander bezogen. Das integrative Konzept entspricht einerseits dem Spaltungsbedürfnis schwerer gestörter Patienten, andererseits zieht es Nutzen aus dem reorganisierenden, integrativen Potenzial des Teams (Holding, Containing).

In jedem Falle sind wesentliche Aspekte von zeitgemäßer psychosomatischer Krankenhausbehandlung:
 

  • Fokusorientierung und Kurzzeitbehandlung

  • Teamorientierung

  • Multiprofessionalität